Südlich der Hölle – Erik Bünger Ensemble 7.05.05 Zentrale Randlage


Das Erik Bunger Ensemble hat sich ausschließlich aus Studenten der Königlichen Akademie für Musik in Stockholm rekrutiert. Es handelt sich also um ein richtiges E-Musik Ensemble und hört sich auch so an. Abgehakte Soundfetzen treffen auf quietschige Versatzstücke von Melodien und Rhythmen, die immer dann über sich selbst stolpern, wenn sie für einen kurzen Augenblick als solche erkenntlich geworden sind, das heißt immer dann, wenn das zu entstehen droht, was irgendwie beliebig und bekannt im Sinne von Pop sein könnte. Abseits jeder wahrnehmbaren Form von Virtuosität persifliert das Ensemble die Form, wiederholt Samples bis zur Unkenntlichkeit oder zerschneidet Soundwellen so lange, bis nur noch Wolken von granularer Codierung übrig bleiben und Musik entweder von ihrer Gestik befreit oder zur reinen Geste geworden ist. So genau kann man das nicht unterscheiden.

Denn optisch besteht das Ensemble vor allem aus drei Studiomusikern der frühen achtziger Jahre: Ein Gitarrist spielt auf einem Instrument, das so pink ist wie Erdbeermilch. Ebenso fies wie die Tappings, die er vorführt, sind Bonnie-Tyler-Frisur und die Jeanskutte, die er trägt. Ein Schlagzeuger sitzt in schwarzem Lederoutfit hinter einem enormen Set mit mindestens acht Becken - bei jedem seiner Manöver wirft er seine naturgemäß vorne kurz und hinten lang geschnittenen Locken nach vorne. Auf einem braunen Sofa schließlich fläzt ein Typ im weißen Unterhemd und slapt dabei so beiläufig und groovey auf seinem Bass umher, dass sein denimumhülltes Bein nicht anders als mitwippen kann.

Abseits des überirdischen Glanzes, der von den Videoschirmen ausgeht, sitzen drei Jungs in unauffälligen Kleidern, tragen unauffällige Frisuren und wippen selbst dann nicht mit den Füßen, wenn die drei Lichtbilder die wildesten Bewegungen vollführen. In ihren Händen halten sie Joysticks, über welche sie sowohl die Bewegungen jeweils eines der Mucker auf den Videoschirmen exakt kontrollieren können, als auch den jeweiligen Ton als das Resultat dieser Bewegungen. Sobald sie den Ton pitchen, verändert das Bild seine Geschwindigkeit und andersherum. Die mit den Joysticks sind auf eben jene langweilige Weise vertieft und zutiefst gelangweilt wie sich das für Computerspieler gehört. Würde man nur sie sehen, man hätte den Eindruck, auf einer Netzwerkparty gelandet zu sein. Wie im Reich der Zocker spielt sich das heroische Element nur noch auf dem Bildschirm ab. Doch anders als beim Videospielen ist es nicht die vorprogrammierte Eleganz der Pixel, welche die Form bestimmt, sondern die strikt binäre Stupidität des Rein und Raus der Knöpfe, die sich unmittelbar auf dem Bildschirm manifestiert. So wird der Schlagzeuger auf dem Bildschirm trotz der Möglichkeiten seines Riesen-Drumsets und seiner High-End-Selbsttechniken dazu gezwungen, immer wieder die gleichen, lächerlichen Wirbel über seine Batterie hinweg zu vollführen, und dabei seinen Haarschopf vor und zurück zu werfen, als wäre er der Gefangene eines seltenen gestischen Loops oder das Opfer einer besonders rock-kompatiblen Form von Tourette.

Drei Nerds, die drei Rocker kontrollieren, und sie dazu bringen, den Rhythmus, die Skalen, die Klischees und nicht zuletzt die Virtuosität zu verlassen, das ist die Geschichte einer ebenso feinsinnigen wie totalen Rache. In den nonchalanten Worten Herrn Bungers, der das Ensemble gegründet hat, nimmt sich das Ganze so aus: „Die Videosequenzen, die wir mit den Joysticks kontrollieren, stammen aus den Filmen, mit deren Hilfe wir an der Akademie in Stockholm unsere Instrumente lernten. Die Musiker, die man dort sieht, den Schlagzeuger, den Gitarristen, den Bassisten sind irgendwelche Fusion-Typen, die sich dazu entschlossen haben, Lehrvideos herauszugeben und hilflose Anfänger mit ihren Studio-Weisheiten vollzuquatschen. Wir wurden von den Musikern auf den Bildschirmen eine harte Zeit lang kontrolliert, jetzt kontrollieren wir sie. Es geht uns um eine Persiflage, aber auch um eine Umkehr der Machtverhältnisse.“

Kurz vor Ende der Show setzt dann auch der Pixelgitarrist mit der Bonnie-Tyler-Frisur zu seinem sehr eigenen Moment der Avantgarde an. Er nimmt einen dunkelgrünen Heimwerkerbohrer zur Hand und bearbeitet damit seine bonbonfarbene Gitarre. Musikalisch bildet das Echo dieser optischen Widerwärtigkeit den ruhigsten und klarsten Moment der Show. In der unerträglichen Gallerte einer downgepitchten Zeitlupe schwebend gleitet der Bohrer über die Saiten und ein Ton entsteht, der tief und wohlig wie eine Orgel aus den Siebzigern klingt. Die Negation der Negation der Negation... Fast wäre man versucht, sich andächtig im Schneidersitz hinzusetzen. Doch man kommt nicht dazu, weil nur ein paar Sekunden später alles erneut zusammenbricht. Space is the place? Anti-Pop-Consortium? Das Erik Bunger Ensemble „spielt mit den Schlangen“ und schaufelt damit Pop „ein Grab in den Lüften // da liegt man nicht eng“.

Johannes Thumfart
Pop As Trash Can Be 2005